Sonntag, 3. Dezember 2006

Hypertext

Grundsätzlich ist der Artikel in drei wesentliche Teile aufgeteilt: die Definition eines Hyptertextes, seine „Geschichte“ und Theorie und Praxis dieser Textart.
Konkret wird einmal mehr das oberste Prinzip des Hypertextes verdeutlicht, nämlich das Prinzip der Nichtlinearität, Vernetzung und Assoziation. Betont wird als weiteres wichtiges Merkmal außerdem, dass der Hypertext nie fertig ist und immer ergänzt werden kann.
In weiterer Folge wird ein Vergleich angestellt, und zwar dass der Hypertext am ehesten als elektronischer Zettelkaste zu bewerten ist, der es ermöglicht ein Thema nach bestimmten Gesichtspunkten zu sichten bzw. einfach bestimmte Themen bewusst miteinander in Verbindung setzen.
Dieser Vergleich führt eigentlich bereits zu der Geschichte des Hypertextes. Dafür scheint es wesentlich, sich die Essenz eines Hypertextes vor Augen zu halten: diese haben keinen festen Anfang, keinen Hauptteil und ebenso wenig ein Ende. Kein Text innerhalb des „Systems“ hat eine höhere Priorität als ein anderer.
Daraus ergibt sich die Tatsache, dass es „den“ Hypertext bereits vor seiner Kreation 1965 durch Theodor Holmes Nelson gab. Nelson war lediglich der Ansicht, dass ein wirklich optimal funktionierender Hypertext nicht adäquat zu Papier gebracht werden kann – geeignet dafür ist ausschließlich der Computer, was natürlich auch die Notwendigkeit bedeutet „on screen“ lesen zu müssen.
Nichtlineare Texte mit assoziativen Verweisen gab es also bereits lange vor dem Begriff Hypertext.
Eines der bekanntestes Beispiele für nicht- lineares Lesen ist unter anderem die Zeitung: diese wird selten komplett gelesen, vielmehr werden meist bestimmte Artikel nach bestimmten Interessen herausgesucht. Wenn es diesen vorgefertigten roten Faden nicht gibt, spricht man von Multilinearität.
Aber auch ein Buch lässt schon eine hypertext-ähnliche Leseweise zu: einige Passagen können übersprungen, andere vorab und wieder andere öfters gelesen werden.
Der Hypertext ist aber nicht nur von der Rezeption her multilinear angelegt, auch das Konzept muss dieser Idee entsprechen – aber auch diese Auflagen erfüllten andere Medien zumindest teilweise schon vor dem Bestehen des Hypertextes. Schließlich unterscheidet man zwischen drei Arten von Texten:
Monosequenzierter Text: Hierbei plant der/die AutorIn einen thematisch kontinuierlichen Leseweg, d.h. das Lesen vom Anfang bis zum Ende ist notwendig, wie z.B. bei einem Roman.
Mehrfachsequenzierte Texte: Diese müssen nicht stur vom Anfang bis zum Ende gelesen werden, der Leseweg ergibt sich je nach Informationsbedarf, wie z.B. bei der Rezeption eines wissenschaftlichen Buches.
Unsequenzierter Text: Diese Texte können ganz beliebig gelesen werden.
Das beste Beispiel für die unsequenzierten Texte ist sicherlich der Hypertext.
In der Praxis ergeben sich allerdings trotz konkreten theoretischen Rahmenbedingungen einige Herausforderungen beim Schreiben von Hypertexten:
Ein Hypertext bedeutet die Kontextualisierung von kleinsten Bestandteilen eines bestehenden Textes, welche dann mit Links in die Praxis umgesetzt wird. Wichtig hierbei ist die Aufspaltung eines Textes in „informelle Einheiten“, den eigentlichen Bausteinen eines Hypertextes. Wichtig ist auch weiters, dass jede dieser informellen Einheiten in sich geschlossen verständlich ist, um zu gewährleisten, dass die Multilinearität auch tatsächlich gegeben ist. Hierbei spricht man von „kohäsiver Geschlossenheit“; der Hypertext muss dabei aber stets kontextoffen bleiben, d.h. das Potenzial in sich tragen, an so viele Themen wie möglich verweisen zu können. Eine Faustregel ist hierbei: die informelle Einheit sollte eine Länge von 2500 Zeichen nicht überschreiten. Ebenfalls wichtiges Element für einen gelungen Hypertext sind typisierte Links, d.h. Links die explizit zum Ausdruck bringen, in welcher Beziehung sie zu dem verlinkten Material stehen. Der Sinn dieser „gekennzeichneten Links“ besteht darin, dass der Leser eine Art der Vorentscheidung über den weiteren Verlauf seiner Vorgehensweise treffen kann.
Das setzt natürlich auch die Klärung voraus, nach welchen Kriterien vernetzt wird und wann ein „Attribut“ das Potenzial zur Verknüpfung hat, also wann es überhaupt als Attribut gilt.
Zum Problem werden diese theoretischen Ansätze bei der Realisierung eines Hypertext-Projektes, da sich ein geeignetes Team dafür meist aus einer Vielzahl an Köpfen zusammensetzen muss.
Das Projekt pastperfect.at brauchte für eine vernünftige Umsetzung ein zehnköpfiges Team. Die Mitglieder mussten dabei bestimmte Bereiche gemeinsam koordinieren wie z.B. die Einteilung in bestimmte Themenbereiche (z.B. Religion, Politik, Wirtschaft, …), außerdem musste sich eine Schar an Autoren auch stilistisch als homogene Einheit präsentieren. Das verlangte eine aufeinander abgestimmte Arbeitsweise und die Klärung bestimmter Fragen wie z.B.: An wen richten wir uns und was können wir voraussetzen?
(Interessant: selbst die Autoren haben nach abgeschlossener Arbeit als Leser des eigenen, fertigen Projektes neue Perspektiven zu bestimmten Themenbereiche erschlossen.)

Für mich persönlich drängt sich die Frage auf, inwieweit es nicht Sinn gemacht hätte, diesen Artikel als eine Art der Vorbereitung auf den Hypertext zu lesen. Natürlich wäre das Erlebnis des „Erforschens“ weggefallen – allerdings hätte sich auch der Faktor Frust im Rahmen gehalten.
Tatsächlich sehe ich jetzt das Medium „Hypertext“ viel differenzierter und transparenter als noch vor einer Woche.
Wie auch immer: der Artikel leistet dem Verständnis der Philosophie des Hypertexts hervorragende Dienste und kann daher, weil ich ja davon ausgehe, dass genau das die Intention des Autors war, als durchaus gelungen betrachtet werden.
Mir gefällt vor allem der Aspekt, dass Hypertextproduzenten die Gewissheit haben, dass ihr Beitrag nicht verstaubt und ständig, wenn auch nur passiv und über Umwege, in neue Kontexte gesetzt wird.
Schmale - 6. Dez, 17:31

Kommentar Schmale

Ihr Text zeigt, dass Sie verstanden haben, worum es geht, Ihr Umgang mit dem Thema "Hypertext" ist souverän. Ihre Anregung, die Reihenfolge der beiden letzten Aufgaben umzudrehen, werde ich - leider - nicht aufgriefen, weil mir der didaktsiche Mehrwert der jetzigen Reihenfolge höher erscheint als bei der anderen Lösung.

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